Primär- und Sekundärliteratur

In ähnlichem Sinne wie die Begriffe Esoterik/Exoterik und Individuation/Sukzession sind ebenso die Schriften und Literatur zu differenzieren und nach meinem Verständnis würde ich sie so beschreiben:

 

Primärliteratur oder inspirative Schriften sind Texte, die aus einer „geistigen Sicht“ bzw. Erkenntnis zu seelisch-geistigen Zusammenhängen entstanden sind, in denen eine tiefere Weisheit über das Leben ausgedrückt ist. Sie sprechen mehr zur Seele und inneren Erkenntnis- und Empfindungskraft des Menschen und weniger zum Intellekt oder äußeren Verstand. Aus diesem Grund kann man sie nicht unmittelbar intellektuell übernehmen und interpretieren. Wie sie sich entschlüsseln ist eine geheimnisvolle Frage, aber klar scheint, dass die Entschlüsselung nur über eine längere objektive Anschauungsbildung und objektive Beziehungsaufnahme erfolgen kann. Die Umgangsform mit diesen Schriften erfordert eine große Aufmerksamkeit und Hinwendung, aber gleichzeitig muss sie völlig frei von intellektuellen, emotionalen oder willentlichen Zugriffen bleiben.

 

Inspirative Literatur kann den Menschen in seiner individuellen Schöpferkraft anregen und stärken. Dies erfolgt auf eine stille Weise und ist ganz unabhängig von den äußeren Lebensverhältnissen. In ihr lebt eine Kraft und Substanz, die den Menschen seelisch und geistig berührt und erhebt.

 

Beispiele:

alte Schriften: Evangelien, Bhagavad Gita

Autoren wie Sri AurobindoRudolf SteinerHeinz Grill, Sivananda, Vivekananda, Murdo McDonald-Bayne, Meister Ekkehard, und viele andere

 

Sekundärliteratur sind jene Texte, die zB auf der Grundlage einer inspirativen Schrift und eigener Forschungsarbeit verfasst wurden. Eine gute Sekundärliteratur zeichnet sich durch eine fundierte Fachkunde aus und gründet sich auf den eigenständig entwickelten Erkenntnissen. Sie sind exoterisch gehalten und nachvollziehbar für die angesprochene Leserzielgruppe formuliert. Sekundärschriften sind häufig besonders anschaulich und regen auch stark zum eigenen Forschen an. Sie fordern den Leser zum kreativen und lebendigen Denken heraus, aber strapazieren wenig oder gar nicht das kopflastige, mechanische Intellektualisieren. Sie bewahren einen geordneten praktischen und sozialen Lebensbezug und eröffnen dennoch einen Blick auf seelisch-geistige Zusammenhänge.

 

Beispiele:

Udo Renzenbrink: Die sieben Getreide

Otto Wolf:  Was essen wir eigentlich?

Murat Örs: Yoga und Krebs - seelische Wärme und Immunstärkung im Yoga

Otto Albert Isbert: Yoga und der Weg des Westens, Konzentration uns schöpferisches Denken

 

Unterscheidungsbildung

Beim Formulieren dieser Unterscheidung drängt sich mir die Frage auf, ob es nicht eventuell auch Mischformen gibt, in denen zB bei einer Sekundärliteratur für einige Abschnitte wirklich die Weisheit gleich einer inspirativen Schrift enthalten ist? Es kann doch auch sein, dass jemand, der intensiv forscht und sich einem inspirativen Text hinwendet, selbst zu einer tiefen Erkenntnis gelangt und somit auch eine seelische Kraft für den Leser freisetzen kann?

 

Dennoch scheint mir diese Unterscheidung zur inneren Qualität einer Schrift wesentlich. Grundsätzlich und auf das Lesen allgemein bezogen ist es wichtig, eine Unterscheidungsfähigkeit darüber zu entwickeln, welche Qualität, Kernaussage oder Absicht in einem Text unausgesprochen lebt. Einerseits kann man Empfehlungen von fachkundiger Seite zur Literatur im guten Glauben übernehmen und andererseits sollte man aber auch bei sich zu einer unterscheidenden Wahrnehmung und gesunden Beurteilungsfähigkeit kommen. Darin muss man sich schulen und man wird oft unsicher sein, ob die eigene Beurteilung stimmt und tatsächlich der Wirklichkeit entspricht. 

 


Zur Haben-Form und Seins-Form des Lesens:

 

„Was für das Gespräch gilt, trifft gleichermaßen für das Lesen zu, das eine Zwiesprache zwischen Autor und Leser ist oder sein sollte. Natürlich ist es beim Lesen (ebenso wie beim Gespräch) wichtig, „was“ ich lese (oder mit wem ich rede). Einen kunstlosen billig gemachten Roman zu lesen ist eine Form des Tagträumens. Es gestattet keine produktive Reaktion, der Text wrd geschluckt wie eine belanglose Fernsehsendung oder die Kartoffelchips, die man gedankenlos beim Zuschauen isst. Einen Roman von Balzac zum Beispiel kann man dagegen produktiv und mit innerer Anteilnahme, das heißt in der Weise des Seins lesen. Doch auch solche Bücher werden wahrscheinlich meist in einer Konsumhaltung - in der Weise des Habens - gelesen. Da seine Neugier erregt ist, will der Leser die Handlung wissen, er will erfahren ob der Held stirbt oder am Leben bleibt, ob sich das Mädchen verführen lässt oder nicht. Der Roman ist in diesem Fall eine Art Vorspiel, das ihn erregt, der glückliche oder unglückliche Ausgang ist der Höhepunkt. Wenn er das Ende weiß, hat er die ganze Geschichte, fast so wirklich, als habe er in seinen eigenen Erinnerungen gewühlt. Aber er hat keine Erkenntnisse gewonnen. er hat seine Einsicht in das Wesen des Menschen nicht vertieft, indem er die Romanfigur erfasst, noch hat er etwas über sich selbst gelernt.

 

Auch für philosophische oder historische Werke gilt die gleiche Unterscheidung. Die Art - oder Unart -, wie man ein philosophisches oder historisches Buch liest, ist ein Resultat der Erziehung. Die Schule ist bemüht, jedem Schüler eine bestimmte Menge an „Kulturbesitz“ zu vermitteln, und am Ende seiner Schulzeit wird ihm bescheinigt, dass er zumindest ein Minimum davon hat. Es wird ihm deshalb beigebracht, ein Buch so zu lesen, dass er die Hauptgedanken des Verfassers wiedergeben kann. Auf diese Weise „kennt“ er Plato, Aristoteles, Descartes, Spinoza, Leibniz und Kant bis hin zu Heidegger und Sartre. Die verschiedenen Bildungsstufen von der Oberschule bis zur Hochschule unterscheiden sich vornehmlich hinsichtlich der Menge des vermittelten Bildungsgutes, das etwa im Verhältnis zur Menge des materiellen Besitzes steht, über den der Schüler im späteren Leben wahrscheinlich verfügen wird. Als hervorragend gilt jener Schüler, der am genauesten wiederholen kann, was jeder einzelne Philosoph gesagt hat. Er gleicht einem beschlagenen Museumsführer. Was er nicht lernt, ist das, was über diesen Wissensbesitz hinausgeht. er lernt nicht, die Philosophen in Frage zu stellen, mit ihnen zu reden, gewahr zu werden, dass sie sich selbst widersprechen, dass sie bestimmte Probleme ausklammern und manche Themen meiden. er lernt nicht unterscheiden zwischen Meinungen, die sich dem Verfasser aufdrängten, weil sie zu seiner Zeit als „vernünftig“ galten, und dem Neuen, das er beitrug. Er spürt nicht, wann der Autor nur seinen Verstand sprechen lässt und wann Herz und Kopf beteiligt sind, er merkt nicht, ob der Autor authentisch oder ein Schaumschläger ist - und vieles andere.

 

Der Leser in der Weise des Seins kann dagegen zu der Überzeugung gelangen, dass selbst ein hochgelobtes Buch mehr oder weniger wertlos ist. Vielleicht versteht er auch ein Buch manchmal besser als der Autor selbst, dem alles, was er schrieb, wichtig erschien.“